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  • Ines Balcik

Corona-Kontemplation

Französische Literatur des 19. Jahrhunderts, das war mein Spezialgebiet während meines Studiums. Jahrzehnte liegt es zurück und erhält nun, Corona sei Dank, eine neue Komponente.

Wer hat Madame Bovary gelesen? Flaubert gehört nicht unbedingt zu meinen Lieblingsautoren jener Zeit und Madam Bovary nahm ich erst zur Hand, als ich die Universität längst verlassen hatte. Aber was mir in Erinnerung geblieben ist: Die Entschleunigung im Buch, die zu der Hektik meines damaligen Lebens in kaum größerem Kontrast hätte stehen können. Unendlich viel Zeit zur contemplation, zum beschaulichen Versinken in Befindlichkeiten, die nach Maßstäben des späten 20. Jahrhunderts langweilig und ereignislos scheinen, findet sich in vielen Werken jener Epoche, nicht zu letzt in dichterischen Werken. Natürlich, die äußere Welt war eine andere, also tickten auch die täglichen Uhren anders.


Corona-Kontemplation

Die COVID-19-Pandemie sorgt nun im 21. Jahrhundert für unfreiwillige Entschleunigung der gesamten Welt und macht Kontemplation wieder salonfähig. Ob und wie sich das in der Literatur niederschlägt, wird sich erst zeigen.

Ein Umdenken in vielen Bereichen wäre wünschenswert. Ich bin skeptisch. Gestehen wir uns wenigstens für eine gewissen Zeit zu, ein paar Gänge herunterschalten zu dürfen. Dass die Natur durch die Entschleunigung auflebt, hat sich schon gezeigt. Gönnen wir auch unseren gehetzten Gemütern mehr Chancen zu Kontemplation – trotz all der unglaublich kreativen und spannenden Onlineangebote, mit denen wir unsere inneren Bedürfnisse so leicht überblenden können.


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