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  • Ines Balcik

Wohin des Weges – im Wasser

Aktualisiert: 27. Dez 2019

Dardanellenschwimmen 2019: Wie es kam, dass meine Söhne und ich von Eceabat am europäischen Ufer nach Canakkale auf der asiatischen Seite der Dardanellen schwammen


Warum machst du das?


Höher, schneller, weiter – warum tun sich Menschen Sportwettkämpfe völlig freiwillig in ihrer Freizeit an? Diese Frage wird mir gelegentlich gestellt und ich selbst frage mich noch häufiger: Warum macht es Spaß, an sportlichen Wettkämpfen teilzunehmen, selbst wenn man, so wie ich, längst in die altersbedingte Kategorie mühsamer, langsamer, beschwerlicher fällt?

Vielleicht ist es das Glück der Überwindung, das lockt und belohnt, wenn man die eigenen Grenzen auszuweiten versucht. Das kann sicher in vielen Bereichen passieren, ich habe mich sportlichen Herausforderungen verschrieben.


Vom Bosporusschwimmen zum Dardanellenschwimmen


Und ich freue mich, wenn meine Familie manchmal mitzieht. In diesem Jahr zum Beispiel beim gemeinsamen Dardanellenschwimmen von Europa nach Asien (auf Türkisch: Çanakkale Boğazı Yüzme Yarışması).

Geplant war das Familienschwimmen für 2019 ganz anders: Wir wollten nach der Viererteilnahme 2014 das erste Mal alle fünf gemeinsam am Bosporusschwimmen teilnehmen. Derweil stand dem der Anmeldeprozess entgegen. Das Datum, an dem die Anmeldung starten sollte, hatte ich extra im Terminkalender vermerkt und in den Tagen davor vermehrt auf die Facebook-Seite zum Bosporusschwimmen geschaut. Solchermaßen vorbereitet begab ich mich am Stichtag frohen Mutes zur Anmeldeseite. Allerdings nur um festzustellen, dass eine Anmeldung für ausländische Schwimmer*innen nicht mehr möglich war. Voller Stolz verkündete der Veranstalter, dass das Kontingent schon nach einer halben Stunde ausgeschöpft war, während ich mich empört fragte, wie das sein konnte. Vermutlich werden die Plätze an Reiseveranstalter vergeben, eine Info darüber gab es allerdings nie. Sehr ärgerlich.


Sportlicher, interkontinental-interkultureller Familienausflug


Wie gut, dass es andere interkontinentale Schwimmveranstaltungen gibt. Statt im Juli durch den Bosporus zu schwimmen, würden wir Ende August die Dardanellen queren von Europa nach Asien. Vorgehen wie gehabt: Als Delegierte des Familienrats behielt ich den Anmeldetermin im Blick und meldete die Familie an. Nicht die ganze Familie, denn während der Technikdirektor (aka lE = liebster Ehemann) sich mutig in den Bosporus gewagt hätte, nachdem er vom Rest der Familie genügend gedrängt worden war, streikte er angesichts der Dardanellen. Letztlich musste noch ein Sohn zurückziehen, berufliche Gründe verhinderten seinen Start.


Zu dritt aus unserer Familie also standen wir schließlich Ende August am Start, Mutter und zwei Söhne. Für mich war es nach meiner ersten erfolgreichen Teilnahme im Jahr 2016 bereits das zweite Dardanellenschwimmen. Ich hatte die besten Absichten für ein gutes Ankommen, denn die Strecke glaubte ich ja nun zu kennen und die kritischen Abschnitte und die Richtungsanweisungen auch.

Natürlich kam es anders. Eins steht fest: Ein Kinderspiel ist das Schwimmen auf dem mehr als 6 km langen Abschnitt der Meerenge nicht, es ist und bleibt eine Herausforderung für uns normale Freizeitschwimmer*innen. Eine spannende, eine lohnende Herausforderung.


Am Wettkampftag


Windig war es schon die Tage zuvor gewesen und Wind bedeutet Wellen und die wiederum erschweren das Schwimmen. Der Tag des Wettbewerbs war im Vergleich zu den Tagen davor ruhig, aber ich hatte das Wasser drei Jahre zuvor als ruhiger empfunden. Was gleich blieb, war die abgrundtiefe Verzweiflung , als ich das Ziel längst in greifbarer Nähe glaubte und doch nicht dorthin kam. Aber der Reihe nach.


Das Treffen der Schwimmer*innen am frühen Morgen im späterem Zielbereich, der Transport mit Bussen zur Fähre, die Fahrt auf der Fähre von Canakkale ans europäische Ufer, der Fußweg bzw. die Busfahrt (wir erwischten keinen Platz im Bus) zum Startbereich am Strand von Eceabat – all das verlief reibungslos. Immerhin war dies bereits das 33. Interkontinentalschwimmen an dieser Stelle, entsprechend erfahren ist das Organisationsteam. Ca. 600 Teilnehmer*innen stehen nach dem Wettbewerb auf der Ergebnisliste, gestartet sind vermutlich rund 80 weitere.



Schwimmend von Europa nach Asien


Der Startschuss fällt, eine letzte Ermunterung an die Söhne, endlich geht es ins angenehm warme Wasser. Zunächst schwimmt es sich wie geplant. Ich verfolge möglichst lange eine nordöstliche Linie, um Höhe zu gewinnen, wie es im Briefing empfohlen wird. Ich schwimme ruhig und gemütlich, mir geht es ums Ankommen, nicht um die Zeit. Die Festung Kilitbahir kommt ins Blickfeld, es wird Zeit, den Kurs etwas anzupassen. Ich schwimme, schwimme, schwimme; genieße, als ich merke, dass sich meine Geschwindigkeit dank der zunehmenden Strömung erhöht hat. Und erschrecke, als ich nach hinten schaue und feststelle, dass ich in verdächtige Nähe der Kilitbahir-Festung auf der falschen, der europäischen Seite zu geraten drohe.

Vorbei ist das Genussschwimmen. Jetzt heißt es, in die Nähe des asiatischen Ufers kommen, bevor die Strömung mich so weit davongetragen hat, dass ich das Zielufer nicht mehr aus eigener Kraft erreichen kann. Zum Glück rückt das Ufer ganz allmählich näher, meine ich zu erkennen. Nur der Leuchtturm (im Bildim unten zu sehen), der schon hinter dem Ziel steht und bis zu dem ich diesmal auf keinen Fall geraten wollte, wird einmal mehr zu meinem Schicksalspunkt.

Noch bin ich entschlossen. Bloß nicht an dieser Stelle scheitern, so kurz vorm Ziel und doch gefühlt so unendlich weit weg. Jemand schwimmt schräg vor mir. Wie beruhigend, ich bin nicht alleine. Es dauert eine Weile, bis in mein Bewusstsein dringt, dass der Schwimmer verschwunden und vermutlich längst im Ziel ist, während ich mich immer nach wie vor am Leuchtturm abarbeite.

Immer verzweifelter werdend, bis nicht der Mut, sondern die Wut der Verzweiflung siegt. Ich will aus eigener Kraft ans Ziel kommen. Ein Rest von Verstand blitzt durch meine Verzweiflung hindurch: Wie wäre es mit einer Kurskorrektur? Wenn der andere Schwimmer vom Fleck gekommen ist, warum nicht ich? Tatsächlich geschieht ein Wunder, das ich schon früher hätte haben können: Ich ändere meine Richtung – und bewege mich am ! Leuchtturm, ade. Endlich!

Die Gegenströmung, auf die ich 2016 vergeblich gehofft hatte, hilft mir diesmal bzw. sie behindert mich wenigstens nicht mehr, anders als vor drei Jahren. Ganz locker kann ich nun die letzten Meter zum Ziel zurücklegen und mich amüsieren über die gutwillige Helferin, die heftig mit den Armen wedelt, um zu signalisieren, dass man um den Ponton herum zum Ziel gelangt. Sie weiß ja nicht, dass ich diesen Ponton, der 2016 fast zum unüberwindlichen Hindernis geworden war, niemals vergessen werde.

Was nach dem Schwimmen von Kontinent zu Kontinent durch eine internationale Wasserstraße bleibt, ist tiefe Dankbarkeit. Dank für die Organisation, für die Freiwilligen auf den vielen Begleitbooten. für die gemeinsam durchlebten Familienstunden und Familienabenteuer am, auf und im Wasser, für die Möglichkeit zur Teilnahme.

Dankbarkeit für das Glück des Erreichens.

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